20.03.2026
Stillen: Was dein Körper kann und warum du ihm vertrauen darfst
Dein Körper bereitet sich schon in der Schwangerschaft vor
Schon während der Schwangerschaft bereitet sich deine Brust darauf vor, ein Baby zu ernähren und bildet die erste Milch: das Kolostrum. Es ist dickflüssig, goldgelb und strotzt vor Immunstoffen. Und obwohl es so wenig erscheint, ist es genau die richtige Menge für dein Baby. Der Magen eines Neugeborenen ist am ersten Lebenstag nämlich kaum größer als eine Kirsche und fasst gerade mal 5 bis 7 ml. Das Kolostrum kleidet bei jedem Stillen die Darmwand deines Babys mit einer Schutzschicht gegen schädliche Keime aus und legt damit den Grundstein für ein gesundes Immunsystem.
Nach drei bis sechs Tagen setzt der Milcheinschuss ein und die Übergangsmilch beginnt zu fließen. Der Magen deines Babys hat sich bis dahin bereits so geweitet, dass er mit den größeren Mengen zurechtkommt. Innerhalb der ersten zwei Wochen geht die Übergangsmilch in die reife Muttermilch über, die sich von nun an kontinuierlich an die Bedürfnisse und die Entwicklung deines Kindes anpasst.
Stillen nach Bedarf
Eine der zentralen Botschaften aller Stillexpert:innen lautet: Stille nach Bedarf, nicht nach Uhr. Das bedeutet immer dann stillen, wenn dein Baby Hungersignale zeigt, egal ob nachts um drei oder kurz nach der letzten Mahlzeit.
Dein Baby zeigt dir dabei schon früh, wann es Hunger hat. Kleine Bewegungen, Schmatzen, Zunge rausstrecken, das Führen der Hand zum Mund: das sind die frühen Hungerzeichen, auf die du achten solltest. Weinen ist ein spätes Hungersignal und ein bereits weinendes Baby lässt sich viel schwerer anlegen. Beruhige es dann lieber erst durch Streicheln oder Kuscheln, bevor du versuchst anzulegen.
Die gute Nachricht: Je öfter dein Baby trinkt, desto mehr Milch wird gebildet. Dein Körper arbeitet nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Auch wenn es sich bei Wachstumsschüben manchmal anfühlt, als hätte dein Baby ständig Hunger, ist das kein Grund zur Sorge. Dein Baby signalisiert deinem Körper damit genau, wie viel Milch es für seine Entwicklung braucht.
Neue Leitlinie gibt Orientierung zur Stilldauer
Lange gab es in Deutschland keine einheitliche, evidenzbasierte Leitlinie zur Stilldauer. Das hat sich 2026 endlich geändert. Die neue S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ wurde von 26 wissenschaftlichen Fachgesellschaften erarbeitet und mit Vertreterinnen der Stillenden selbst abgestimmt. Diese Leitlinie sagt klar:
• Ausschließliches oder überwiegendes Stillen für die ersten sechs Lebensmonate
• Eine Gesamtstilldauer von mindestens zwölf Monaten
Damit kehrt Deutschland nach fast 15 Jahren zu den internationalen Empfehlungen der WHO zurück, die ausschließliches Stillen für sechs Monate und eine Gesamtstilldauer von bis zu zwei Jahren (und darüber hinaus, solange Mutter und Kind es wünschen) empfiehlt. Ein wichtiger Meilenstein und ein Schritt hin zu mehr Klarheit für alle Beteiligten.
Die Leitlinie betont dabei ausdrücklich: Diese Empfehlungen sind Orientierung, kein Druck. Jede Mutter, jedes Baby, jede Situation ist anders. Und ja: Stillen ist nicht immer möglich oder der richtige Weg für alle und das ist in Ordnung.
Die richtige Stillposition: Probiere aus, was sich gut anfühlt
Es gibt nicht die eine richtige Position, sondern die, die für euch beide passt. Probiere dich also ruhig aus. Das Wechseln von Stillpositionen ist übrigens empfehlenswert, denn es kann Problemen wie wunden Brustwarzen oder Milchstau vorbeugen und sie lindern.
Wiegehaltung – Die Klassikerin. Du sitzt aufrecht, dein Baby liegt quer über deinen Bauch und sein Köpfchen wird von deiner Ellenbeuge gestützt.
Kreuzwiegehaltung – Ähnlich wie die Wiegehaltung, aber das Köpfchen deines Babys wird nicht von der Ellenbeuge gestützt, sondern von deiner Hand auf der gegenüberliegenden Seite zur trinkenden Brust. Das gibt dir mehr Kontrolle über die Kopfführung, und deine andere Hand ist dabei frei. Besonders gut geeignet für Neugeborene und Frühchen.
Football-Haltung – Dein Baby liegt seitlich unter deinem Arm, die Beinchen zeigen in Richtung deines Rückens. Du hältst sein Köpfchen mit der Hand auf derselben Seite und führst es zur Brust. Diese Position ist besonders nach einem Kaiserschnitt geeignet, weil kein Druck auf die Narbe entsteht.
Seitenlage – Die Rettung für nächtliche Stilleinheiten. Ihr liegt seitlich Bauch an Bauch und müsst euch kaum bewegen. Wenn dein Baby einschläft, kannst du dich einfach zurückziehen.
Zurückgelehntes Stillen (Laid-back-Nursing) – Du lehnst dich entspannt zurück, halbsitzend, halb liegend, und dein Baby liegt Bauch an Bauch auf dir. Es darf dabei selbst die Brust finden.
Richtig anlegen: Das A und O
Wunde Brustwarzen entstehen meistens dann, wenn das Baby nur an der Brustwarze saugt statt an der Brust selbst. Achte darauf, dass dein Baby beim Trinken die gesamte Brustwarze und einen großen Teil des umgebenden Warzenhofs im Mund hat. Die Unterlippe ist dabei nach außen gestülpt, das Kinn berührt deine Brust. Tut etwas weh? Dann lieber kurz den kleinen Finger sanft in den Mundwinkel des Kindes schieben, um die Verbindung zu lösen und dann noch mal neu ansetzen.
Du bist nicht allein
Fast 90 Prozent der Frauen in Deutschland möchten stillen. Und trotzdem stillen am Ende des sechsten Monats nur noch etwa 13 Prozent ausschließlich. Das zeigt: Es braucht Unterstützung, Begleitung und manchmal auch einfach jemanden, der sagt: Du machst das gut.
Wenn du Fragen, Unsicherheiten oder Probleme hast, wende dich an deine Hebamme, eine Stillberaterin oder ruf bei der Stillberatungs-Hotline der AFS an: Tel. 0228 92 95 99 99. Lokale Stillgruppen bieten außerdem einen geschützten Rahmen.
Denn eines ist sicher: Stillen will geübt sein, von dir und deinem Baby. Und das Schöne daran? Ihr lernt es gemeinsam.
Titelbild: Fanny Renaud / Unsplash